• Heiligabend in Thailand – unvergesslich

    auch als Warnung zu verstehen
    Von: Carl Friedrich Krüger | 24.12.13




    Es gibt viele deutsche oder deutschsprachige Auswanderer, die – aus Tradition oder Sentiment – hier in Thailand nicht darauf verzichten wollen, Weihnachten zu feiern wie zu Hause. Andere kommen, um dem zu entgehen. Unser Autor hat auf eine sehr nachhaltige Weise so eine Weihnachtsfeier miterlebt, die völlig aus dem Ruder gelaufen ist. Er hat beschlossen, zukünftig auf solche Feiern in Asien zu verzichten.

    Es begab sich aber, dass ich durch Pattaya ging, und überall dudelte es „Stille Nacht, heilige Nacht…“ Wo immer ich hinging, seit Wochen, seit Monaten schon verfolgte mich diese Melodie. Und seit Tagen verfolgte mich mein Nachbar Herbert mit der Bitte, diesen Heiligen Abend mit ihm und seiner Familie zu verbringen.

    „Du bist doch allein, und ich schwöre Dir, es wird ein ganz besonderes Fest.“ Damit hatte er, wie sich später herausstellte, absolut recht. Herbert wohnt schon seit vielen Jahren mit seiner Familie mir gegenüber in einer Siedlung am Rande der Stadt. Mit seiner thailändischen Frau Mai hat er vier Kinder. Der „Große“ heißt Tschai, ist mit elf Jahren im besten Flegelalter, ganz im Gegensatz zu seiner zwei Jahre jüngeren Schwester Jana, eine sanfte und freundliche Schönheit. Dann gibt es noch die Zwillinge Jai und Sai, zwei Mädchen, beide vier Jahre alt.

    „Du musst unbedingt kommen“, beschwor Herbert mich, „wir feiern ganz so wie früher in Deutschland mit allem Drum und Dran.“ Er bedrängte mich so lange, bis ich endlich widerwillig nachgab und zusagte. Also machte ich mich auf den Weg, Geschenke einzukaufen: Einen Fußball und ein Trikot vom BVB für den „Großen“, für Jana, deren Tierliebe ich kannte, kaufte ich auf dem Nachtmarkt einen süßen kleinen Welpen und für die Zwillinge zwei unterschiedliche Puppen. Dazu kam noch eine Kiste mit sechs Flaschen Riesling für die Herren Eltern. Das Ganze war kein billiges Vergnügen, aber ich dachte, wenn schon, denn schon.

    Ein ganz besonderes Fest…

    Seit über sechzig Jahren hatte ich kein Weihnachtsfest mehr gefeiert. Habe ich Fest gesagt? Naja, ein Fest kann auch schiefgehen. Aber davon ahnte ich noch nichts. Als ich meine Geschenke, bunt verpackt, am Nachmittag bei Herbert abgab, runzelte er zwar die Stirn, als er den kleinen Hund sah, bemerkte aber nur: „Pünktlich um halb sieben fangen wir an.“ Langsam stieg auch in mir die Spannung, denn Weihnachten wie in meiner Kindheit – ich konnte mich kaum noch daran erinnern.


    Wer das Streitpotential an Weihnachten im Kreise der Liebsten umgehen will, bucht einen Flug in die Tropen.

    Pünktlich stand ich auf der Terrasse hinter Herberts Haus, umringt von seinen aufgeregten Kindern. Herbert steckte seinen Kopf durch die Tür: „Entschuldigt, aber es dauert noch etwas.“ Stattdessen beschallte er uns mit deutschen Weihnachtsliedern. Endlich, nach dreißig Minuten, rief er uns rein, aber nicht ins Wohnzimmer, sondern in die Küche. „Der Weihnachtsmann ist leider noch nicht da. Deshalb essen wir jetzt erst.“

    Die Kinder quengelten. Sie wollten endlich ihre Geschenke haben. „Ruhe jetzt!“, befahl Herbert, „jetzt wird gegessen.“ Es gab deutschen Kartoffelsalat mit Wiener Würstchen. „Ich habe keinen Hunger“, sagte Tschai, warf seiner Schwester einen Löffel voll Salat ins Gesicht und wollte davonrennen. Herbert konnte ihn gerade noch zurückhalten und versetzte ihm eine Backpfeife. „Du isst jetzt, oder ich sperre Dich bis morgen in Dein Zimmer ein.“ Jana weinte, und dann fingen auch die Zwillinge zu heulen an.

    Mama versuchte alle zu beruhigen, und Herbert goss den Kindern Cola ein und uns Wein. „Zum Wohle und auf ein fröhliches Weihnachtsfest.“ Ich hörte, wie Tschai leise vor sich hin fluchte: „Ihr könnt mich alle mal mit eurem Scheißweihnachten.“ Zum Glück bekam Herbert das nicht mit, weil er damit beschäftigt war, für die Weinflasche einen Kühler mit Eis zu füllen.

    Das Essen wurde stumm eingenommen, nur unterbrochen durch Herberts „Prosit“, das sich wiederholte, bis die Flasche leer war.

    Endlich klopfte es ans Fenster. „Na, wer wird das wohl sein?“ fragte Herbert erleichtert und öffnete die Haustür. Es war der Weihnachtsmann in seinem roten Mantel, mit einem langen Wattebart und einem Sack, den er scheinbar keuchend auf dem Rücken trug.

    …aber leider völlig daneben!

    „Von draus vom Walde komm ich her“, begann er seinen mühsam auswendig gelernten Vortrag, aber Herbert unterbrach ihn: „Jetzt geht es erst mal in die gute Stube.“ Dort erstrahlte der fast zwei Meter hohe künstliche Tannenbaum, bunt geschmückt, von elektrischen Kerzen erhellt, und darunter lagen die Geschenke für die Kinder. Sie wollten sich sofort darauf stürzen, aber Herbert hielt sie davon ab: „Halt! Erst hört ihr dem Weihnachtsmann zu.“ Der holte gerade aus, um seinen Sermon los zu werden, als Tschai vorsprang und ihm den Bart aus dem Gesicht riss. „Ha“, schrie er, „seit wann ist unser Nachbar Karl denn ein Weihnachtsmann?“ Er wedelte mit dem Bart durch die Luft und schlug sich vor Vergnügen auf die Schenkel.

    Karl drehte sich auf der Stelle um und verließ wortlos den Ort seiner Blamage. Herbert hinterher, aber vorher schallerte er seinem Ältesten noch links und rechts eine Ohrfeige. Nichtsdestotrotz stürzten die Kinder sich auf die Geschenke. Sie rissen das teure Weihnachtspapier in Fetzen und jubilierten, als sie sahen, was ihnen beschert worden war. Mai half den Zwillingen beim Auspacken.

    Dann kam Herbert zurück. „Der Karl ist stinksauer.“ – „Mach dir nichts draus“, sagte ich, „besorg uns lieber was zu trinken.“ Herbert entkorkte die nächste Flasche. „Prost.“

    Tschai hatte sich das Trikot übergezogen und schoss den Fußball gegen die Wand, ausgerechnet auf das Bild von Oma und Opa. Es fiel splitternd auf den Boden. Jana streichelte ihren Hund und war außer sich vor Freude, bis sie plötzlich aufschrie: „Er hat Pipi gemacht auf mein neues Kleid“, jammerte sie. Mai versuchte mit einer Küchenrolle den Schaden so gut es ging zu beheben. Derweil rissen die Zwillinge sich gegenseitig ihre Puppen aus den Händen: „Die will ich haben!“ – „Nein, das ist meine!“

    Ein Tohuwabohu entstand, als plötzlich Gerd in der Tür stand, der sich über die halb offene Terrassentür Zugang verschafft hatte, unterm Arm eine lebende Gans. „Frohe Weihnachten“, rief er. „Hier kommt unser Silvesterbraten“, womit er sich gleich selbst einlud. Er ließ die Gans los, die sich hinter den Tannenbaum flüchtete und laut vor sich hin schnatterte. Nein, schnattern war nicht der angemessene Ausdruck. Die Gans krakeelte, als ob ihr gerade der Hals umgedreht würde. Die Zwillinge taten es ihr gleich, schrien, zogen und zerrten dabei an ihren Puppen, bis Arme und Beine abrissen.

    Das Geplärre wurde langsam unerträglich, aber die Mama lächelte, als wäre alles ganz normal. Herbert bot Gerd ein Glas Wein an. Der schüttelte den Kopf: „Hast Du nichts Besseres auf Lager? Ich bevorzuge einen guten Portwein oder mindestens einen anständigen Whisky.“

    Mai brachte den Whisky. Alle tranken, die Kinder und Mai Cola, Herbert und ich meinen mitgebrachten Wein, und Gerd widmete sich intensiv der Whisky-Flasche. „Und jetzt singen wir die schönen alten Weihnachtslieder“, lallte Herbert und wollte gerade loslegen, als es an der Haustür klingelte.

    Es war Nüng, die neueste Lebensabschnittsgefährtin von Karl. „Was soll ich bloß machen?“, klagte sie, „Kall ist völlig verzweifelt.“ – „Bring ihn doch einfach mit zu uns.

    Die Tragödie nimmt ihren Lauf

    Dann feiern wir gemeinsam“, entgegnete Herbert mit schwerer Zunge. Kurz darauf kam Nüng mit ihrem Schatz zurück, der keineswegs verzweifelt wirkte sondern besoffen.

    „Mee kuham sug wan chlismas, kha“, verkündigte sie strahlend, während deutsche Weihnachtslieder aus den Lautsprechern ertönten. Der Hund hatte sich derweil an die Gans herangemacht, aber nach einigen Schnabelhieben flüchtete er sich heulend in den Schoß von Jana. Herbert begleitete, soweit er noch konnte, die Lieder und erzählte dann vom Heiligen Abend in seiner Kinderzeit. Weil niemand ihn verstand, hörte auch keiner zu. Stattdessen forderte er mich auf, die nächste Flasche aus dem Kühlschrank in der Küche zu holen, da er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte.

    Es war schon die letzte Flasche, die ich fand, und eigentlich wäre dies der richtige Moment gewesen, mich auf Französisch zu verabschieden. Aber ich war zu neugierig. Ich wollte wissen, wie dieser Abend endete.

    Karl erhob sich schwankend und wollte einen Toast ausbringen, aber er torkelte, fiel um und riss dabei auch den Baum um. Das hatte keine weiteren Folgen, weil alles Plastik war und die Kerzen nicht beschädigt wurden. „Das ist moderne Kunst“, meinte Gerd, dessen Flasche auch schon fast leer war. „Lasst ihn nur so liegen.“

    Die Party ging feuchtfröhlich weiter. Die Kinder hauten sich den Bauch voll mit Süßigkeiten, die sie geschenkt bekommen hatten. Als Herbert eine neue Schlager-CD in den Player schob, machte Tschai sich über dessen Weinglas her, trank es auf einen Schluck runter und goss sich ein weiteres Glas ein. Trude Herr trällerte: „Ich will keine Schokolade, ich will lieber einen Mann…“ Alle lachten, versuchten mitzugröhlen, tranken und fielen sich in die Arme. „Hättest du jemals gedacht, so ein Weihnachtsfest in Asien zu erleben?“, lallte Herbert. „Warum ist denn kein Wein mehr da?“ Jai jammerte: „Mir ist schlecht“, und Sai konnte nicht mehr an sich halten und erbrach den ganzen süßen Kram, den sie sich einverleibt hatte. Mai behob den Schaden so gut es ging und brachte die Kleinen ins Bett.

    Das Fest der Liebe endete...

    Es war fast Mitternacht, als Peter und Paul auftauchten, zwei schwule Schweizer aus unserer Siedlung, wo sie nicht nur allgemein akzeptiert waren, sondern als sehr sympathisch geschätzt wurden. Sie brachten eine Kiste Bier mit, tiefgekühlt, und schauten etwas ratlos in die chaotische Runde.


    Nicht immer verläuft das Weihnachtsfest im Kreise der Familie harmonisch. Viele schätzen daher die traute Zweisamkeit.

    „Ihr kommt gerade zur rechten Zeit“, grölte Herbert und griff sich eine Flasche Bier. „Wir sitzen nämlich gerade auf dem Trockenen.“ Tschai, bevor er das Zimmer verließ, schrie: „Jetzt wird es jugendgefährlich. Viel Spaß mit den Tunten.“ Peter und Paul ließen sich nichts anmerken, köpften fleißig die Bierflaschen und verteilten sie. „Jetzt geht die Party richtig los“, ließ Gerd, der längst vom Stuhl gerutscht war und auf dem Hosenboden saß, sich vernehmen.

    In der Tat: Es ging lustig weiter. Jana war neben dem umgestürzten Tannenbaum eingeschlafen. Alle waren ein Herz und eine Seele, und keiner wusste mehr warum, was ja auch nicht so wichtig ist, wenn das Drum und Dran stimmt. Und es stimmte. Die Valente sang gerade „Ganz Paris träumt von der Liebe“.

    Da ich mich beim Trinken zurückgehalten hatte, behielt ich einigermaßen die Übersicht. Aber wie es dann weiterging, konnte auch ich nicht mehr eindeutig nachvollziehen. Nüng schlug auf Karl ein, der sie als Nutte bezeichnet hatte, während Mai die schlafende Jana auf dem Arm in ihr Bett trug. Gerd machte sich an die Gans heran und begann ihr die Federn auszurupfen, bis sie ihm, wild die Flügel schlagend, entkam. Herbert versuchte die Streithähne Karl und Nüng auseinanderzubringen, wobei er stolperte und den Kerzenhalter umwarf, dessen brennende Kerzen sofort das Papier, in dem die Geschenke verpackt waren, entflammten. Menschen und Tiere schrien durcheinander. Keiner verstand noch ein Wort.

    Das Feuer ließ den Tannenbaum schmelzen, die elektrischen Kerzen platzten, und ein Kurzschluss war die Folge. Die Flammen hatten auf den Vorhang übergegriffen. Ein gespenstisches Licht. Nur Herbert saß wie geistesabwesend in seinem Sessel. Nüng und Karl waren auf die Terrasse geflüchtet, Peter und Paul brachten aus der Küche Schüssel und Eimer mit Wasser und schütteten es in die Flammen. Vergeblich. Das Feuer fraß sich weiter.

    Mai behielt einen klaren Kopf. Sie eilte in den Garten, holte den Bewässerungsschlauch und drehte den Hahn auf. Als ehemaliges Mitglied der freiwilligen Feuerwehr in meiner Heimatstadt rief ich: „Wasser marsch!“ und brachte mich ebenfalls in Sicherheit. Nach wenigen Minuten stand das Zimmer unter Wasser. Die Gans nutzte ihre Chance und schwamm mit dem Rest ihrer angekohlten Federn durch die geöffnete Terrassentür ins Freie. Ich hatte plötzlich den vor Angst schlotternden Welpen im Arm, der dabei sein Geschäft verrichtete. Sauerei!

    ...so unvorhersehbar wie unvorstellbar!

    Endlich war das Feuer gelöscht. Das Wasser lief langsam in den Garten ab. Nüng kam mit einem blauen Auge schimpfend und keifend ins Zimmer zurück. Karl folgte ihr schmerzgekrümmt. Seine Herzallerliebste hatte ihm mit aller Kraft zwischen die Beine getreten und ihn damit kampfunfähig gemacht.

    Damit endete das Fest der Liebe, ein Fest, so unvorhersehbar wie unvorstellbar. Eigentlich unglaublich. Aber manchmal geschehen Dinge im Leben, die unseren Kompass verschieben, die ungeheuerliche Zufälle aneinanderreihen zu einem Alptraum, der unvergesslich bleibt. Wer in Thailand lebt, weiß, wovon ich rede.

    Mai verabschiedete die Gäste mit verheultem Gesicht: „Entschuldigt bitte, Entschuldigung, Entschuldigung, Khor toht kha.“ Herbert schnarchte in seinem Sessel. Ich reichte Nüng den winselnden Hund und machte mich ebenfalls davon. Gerd brüllte hinter mir her: „Das nächste Jahr feiern wir bei mir!“

    Besten Dank! Dieser Abend hatte bei mir alle Alarmglocken geweckt, aber das hatte mit „Süßer die Glocken nie klingen…“ nichts, aber auch gar nichts zu tun. Im Gegenteil. Ich schwor mir: Nie wieder Weihnachten in Asien! Vielleicht fliege ich nächstes Jahr nach Laos, eine weihnachtsfreie Zone, wie man mir felsenfest versichert hat.