• Story von Alibaba

    Walter erzählte mir eines Tages, er wolle seinem Leben eine entscheidende Wendung geben. Er sei jetzt Mitte 60 und habe nach 36 Ehejahren festgestellt, Ilse und er hätten sich auseinander gelebt. Letztes Jahr war er mit Ilse schon einmal in Thailand. Wie habe er damals die anderen Männer beneidet, die hier ohne Ehefrau wie im Paradies lebten. Noch einmal wollte er nicht mit seiner sauertöpfischen Ilse herkommen, diesmal habe er vorgesorgt.

    Als er Ilse von seinen Reiseplänen erzählte, machte sie zu seiner Überraschung gar keine Schwierigkeiten: Im Gegenteil, sie habe ihm die Trennung vorgeschlagen. Damit habe er zwar nicht gerechnet und es habe ihn ein wenig irritiert, aber im Grunde sei es ihm ganz recht gewesen. Warum nicht Nägel mit Köpfen machen, je schneller, desto besser. Ilse erwies sich als erstaunlich zähe Verhandlungspartnerin. Freiheit habe bekanntlich ihren Preis, und so bekam sie die Spedition und das Haus in Schwabing. Er habe sich dafür seine Lebensversicherung auszahlen lassen, die Eigentumswohnung in der Stadt verkauft und den Daimler; Ilse habe sowieso keinen Lappen. Mit diesem Geld würde er schon was aufbauen können und den Rest seines Lebens in Thailand verbringen, in Siam, dem Land des Lächelns, dem Ziel seiner Träume.

    So erzählte mir Walter, als er neben mir im Strandrestaurant saß, und ich schenkte ihm, weniger aus Sympathie als aus Höflichkeit, meine Aufmerksamkeit. Oder zumindest tat ich so, denn im Grunde hatte ich diese Geschichte in ähnlicher Form sicher schon hundert Mal gehört. Wie ich ihn mir so von der Seite anschaute, lag etwas täppisches in seinen Bewegungen. An seinem Glatzkopf hingen große, fleischige Ohren, seine schlaffe, teigige Haut war mit braunen Altersflecken bedeckt. Er erinnerte mich an einen alten Hund, einen Dalmatiner. Walter blickte auf seine goldene Uhr, stand auf und reichte mir seine verschwitzte Pfote: „Also! Wir sehen uns sicher noch, ich schau' wieder vorbei." Mich schauderte.

    *

    Die Mädchen bewohnten zu neunt ein Apartmentzimmer, um sich die Mietkosten zu teilen. Einige machten sich bereits fertig für den Abend, zogen ihren Dress an. Andere hatten noch ihre Schlafmatten ausgerollt, schauten Fernsehen. Poi kicherte und reichte den Joint weiter: „Weißt du noch, Theo, dieser Geizhals?“ gackerte sie, „der roch immer so nach Käse.“ „Jaa, und Jan, der alte Norweger! Der machte doch so komische Geräusche, wenn er kam. Aber er hat gut rausgetan!“ Kung zog einen Spaltbreit die Tasche ihrer Jeans auf, ein dickes Bündel Geldscheine quoll hervor. Poi bekam große Augen: „Boah, ist das nur von gestern?“ „Mmh“, schmunzelte Kung, „hatte drei Schweizer letzte Nacht. War'n total besoffen, da lief nicht mehr viel, war ihnen wohl peinlich.“

    Cindy stand vor dem Spiegel und zog die Lippen nach. Sie war jetzt 35, machte den Job bald 20 Jahre. Die Antibiotika wirkten nicht mehr, die Pilzinfektionen kamen immer häufiger. Außerdem konnte sie kaum noch ihren Ekel vor den dicken, verschwitzten Freiern verbergen, der Geruch von alten Männern wurde ihr immer unerträglicher und das Lächeln fiel ihr immer schwerer. Sie hatte inzwischen genug gespart, ihr Bankbuch war prall gefüllt. Ihren Geschwistern und Eltern hatte sie bereits allen schöne Häuser gebaut. Jetzt wollte sie nur noch den neuen Range Rover 3 Liter Turbo Diesel, den sich ihr Mann so sehr wünschte. Nur diese eine Saison, noch zwei, drei Typen, und sie würde endgültig heim fahren zu ihren Kindern und ihrem Mann in Nordthailand.

    *

    Frisch rasiert klatschte er sich Paco Rabanne ins Gesicht. Walter entschied sich für die Khaki-Shorts und sein schwarzes Polohemd von Boss. Er band sich die goldene Breitling um, warf noch einen Blick in den Spiegel, dann verließ er, mit weißen Tennissocken in seinen kalbsledernen Mokassins, federnden Schrittes das Hotel und tauchte ein in die Tropennacht. Walter ging in Bobby’s Go-Go Bar. Im schummrigen Licht saßen bildhübsche Frauen in entzückenden Kleidchen, ein schwüler, betörender Parfumgeruch lag in der Luft. An einer Stange, auf einem Podest, räkelten sich zwei halbnackte Thaigirls in String und Cowboystiefeln. "You wanna rumble in my jungle?", wummerte es aus den Boxen. Der Rhythmus ging Walter ins Blut und er fühlte sich 20 Jahre jünger. Für die alten, traurigen Männer, einsam über ihre Biergläser gebeugt, hatte er nur mitleidiges Lächeln übrig.

    „Hey Mista, You bloke my heart, please tell me loom number!” scherzte eine zierliche Thai. Jaa, hier fühlte er sich wohl, hier war er richtig, und bestellte sich ein Bier. Er war doch ein ganzer Kerl, sah doch ganz passabel aus, hatte was zu bieten! Einen erfahrenen Mann wie ihn mochten diese anschmiegsamen Thaikätzchen doch sicher gerne. Er nahm einen tiefen Zug aus der Flasche, an seinem Handgelenk blitzte die Breitling auf. Am Ende des Tresens beobachtete ihn Cindy und hauchte ihm über den Rand eines Cocktailglases aus großen, dunklen Augen einen lodernden Blick zu. Walter verspürte ein schmerzhaftes Ziehen in den Leisten; reflexartig zog er den Bauch ein und grinste dümmlich zurück: Na also, wusste ich doch, dass ich gut ankomme bei den Girls.

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    Am nächsten Morgen entdeckte ich die Beiden unten am Strand. Walter lag in der prallen Sonne auf einer Liege, während Cindy einige Meter hinter ihm auf einer Anhöhe im Schatten der Pinien hockte. Ein Gähnen entfuhr ihr, wie einem satten Raubtier, und mit verstohlenem Blick unter halbgeöffneten Lidern taxierte sie die anderen Rentner am Strand. Walter erhob sich, dehnte sich demonstrativ und sprintete plötzlich ins Meer, als gelte es einen Rekord zu brechen. Er tauchte und crawlte wie ein Kampfschwimmer, kam prustend und mit geschwellter Brust zurück an Land. Lässig versuchte er, einen verirrten Fußball der Beach Boys zurück zu schießen; sein linkes Knie sackte dabei etwas ein und für einen Augenblick verzog er schmerzhaft das Gesicht. Kurz blickte er sich um, straffte sich und ging, kaum merklich das Bein nachziehend, zurück. Cindy räkelte sich ihm entgegen, nickte anerkennend. Fürsorglich machte sie ihm die Liege zurecht, frottierte ihm den Wanst, steckte ihm eine brennende Zigarette in den Mund und reichte ihm sein wohlverdientes Bier. Am Nachmittag sah ich die Beiden Händchen haltend am Wasser spazieren. Wortfetzen wehten herüber, englisch, mit bayrischem Akzent.

    Einen Monat später fuhr Walter einen nagelneuen Jeep Wrangler mit Tiefbettfelgen und verchromten Endrohr, lässig den Ellenbogen heraus gelehnt, eine Zigarette zwischen den Fingern. Neben ihm saß Cindy, sie blinzelte mir kurz zu. Braun gebrannt, selbstsicher, mit einem Gewinnerlachen hielt er neben mir: „Süß die Kleine, was? Erst 25, und nicht so eine von diesen Nutten. Hat sich ganz schön geziert anfangs, ich musste mich schwer ins Zeug legen. Aber jetzt fährt sie voll auf mich ab.“ Walter steckte sich eine neue Zigarette an: „Ich hab ihr ’nen eigenen Beauty Salon eingerichtet, soll ruhig ’n bisschen was tun und nicht den ganzen Tag vor der Glotze rumhängen.“ Er drehte sich den Schirm seiner Basecap in den Nacken, lehnte sich etwas aus dem Fenster und zwinkerte mir über den goldenen Rand seiner Ray Ban kumpelhaft zu. Er bleckte seine dritten Zähne, sie saßen ihm irgendwie schief und zu groß im Gesicht. Walter senkte verschwörerisch die Stimme: „Die Kleine ist ein scharfer Hase, sage ich dir. Saugt an wie ein Zwölfzylinder, wenn du verstehst, was ich meine, hehe.“ Getrockneter Speichel hing ihm am Mundwinkel, ich trat einen Schritt zurück, etwas ratlos besah ich meine Schuhspitzen. Walter startete den Jeep, ließ den Motor aufheulen, haute krachend den Gang rein und schnippte seine Kippe weg: „Und, wie läuft's bei dir so? Ich hab mir ein schönes Haus gekauft, mit Pool, besuch mich doch mal!“

    In den folgenden Monaten sah ich Walter jeden Tag am Strand joggen, in der glühenden Mittagshitze, mit hochrotem Kopf, verzweifelt fast, als renne er seiner Jugend hinterher. Gelegentlich besuchte er mich dann im Restaurant, hechelnd, wollte meinen Rat, während mir sein Schweiß auf die Tischdecke tropfte: „Du lebst doch schon so lange in Thailand, kannst du mir das erklären?“ Er schaute mich mit dumpfem Hundeblick an: „Mal ehrlich, ohne mich hätte es die Kleine doch nie so gut. Ich kaufe ihr Essen, was zum Anziehen, sie wohnt umsonst und sie kriegt Taschengeld. Sie sagt, sie liebt mich und wir haben Sex,“ - er sagte 'Sechs' - „aber sie kommt niemals von selbst auf mich zu.“ Walter kratzte sich im Schritt. „Sie redet auch nie mit mir, immer nur das Nötigste, guckt ständig Fernsehen. Beim Essen sage ich immer zu ihr: Guck mich doch wenigstens mal an! Aber sie schaut dann nur aus dem Fenster und schweigt. Ich verstehe diese Thaifrauen nicht.“ Ich seufzte: „Walter, was soll ich dir raten?“

    Seine Besuche wurden im Laufe des Jahres immer seltener. Man erzählte mir, Walter würde die meiste Zeit nur noch in irgendwelchen Bars rumhocken. Wie ich hörte, hatte er seinen Jeep verkauft. Der Beauty Salon warf scheinbar nicht genug ab, und jetzt fuhr er Motorroller. Nur gelegentlich sah ich ihn noch unten am Wasser spazieren, allein, gebeugt, gestikulierend in Selbstgespräche vertieft. Seine Körperhaltung hatte an Spannkraft verloren. Walters leptosome Statur, die langen dünnen Arme und Beine, der flache Brustkorb unter den hängenden Schultern und der kugelige Bauch, der sein Rückgrat ins Hohlkreuz zog, erinnerte mich an ein großes, trauriges Fragezeichen. Das letzte Mal sah ich Walter vor seinem Haus, er hockte dort wie ein ausgesetzter Köter, trostlos und verlottert. Aus trüben Säuferaugen schaute er mich von unten herauf an: „Sie hat mich verlassen. Kannst du dir das vorstellen?“ Er friemelte eine Zigarette aus der Packung, mit zitternden Händen, Dreck unter seinen Nägeln. „Sie hat das Haus verkauft. War ja alles auf ihren Namen, ich dachte doch, es wäre für immer! Plötzlich standen wildfremde Leute vor der Tür und hielten mir die Besitzurkunde unter die Nase. Mein Anwalt meint, da könne man nichts machen.“ Walter zog tief an seiner Kippe: „Aus heiterem Himmel fängt sie so mir nichts dir nichts einen Streit an, und plötzlich ist sie verschwunden. Wir haben uns doch so gut verstanden, ich begreifs einfach nicht.“

    Er hatte billige Plastikschlappen an, an seinem rechten Fuß fehlten zwei Zehen, die Narben waren schlecht verheilt. Letzten Monat hatte er im Vollrausch seine Honda zerlegt. Am Handgelenk trug er eine billige Rolexcopy, seine Breitling hatte er für die Krankenhauskosten versetzt. „Hörmal, wir war’n doch immer gute Freunde. Ich brauch noch Geld für mein Ticket, leihst du mir 500?“ Er setzte sich etwas gerader, sein Blick wurde zuversichtlicher: „Ilse hat es nicht verdient, dass ich sie für immer allein lasse. Die wird vielleicht Augen machen! Sie freut sich bestimmt, wenn ich zu ihr zurück komme, ganz sicher!“

    Alles was ihm blieb war ein kleiner blauer Koffer, und auf diesem saß er jetzt vor dem leeren Haus und wartete auf das Taxi, das ihn zum Flieger bringen sollte.


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